Die Menora

Die Menora

An der südlichen Wand, überragte ein prachtvoller Leuchter aus reinem Gold alle anderen Kultgegenstände - die Menora.

In der Hebräischen Bibel wird an zwei verschiedenen Stellen beschrieben, daß für das Stiftszelt ein Leuchter angefertigt werden muß und wie er aussehen soll (Ex 25,31-40; 37,17-24). Mose allerdings rätselte trotz der ziemlich ausführlichen und detaillierten Beschreibungen lange herum, wie genau die Menora herzustellen sei. Gott formte ihm deshalb ein himmlisches Muster aus Feuer. Er erblickte in einer Vision einen siebenarmigen Leuchter aus reinem Gold, welcher aus einem Stück gehämmert war. Außer den sieben Kelchen war nichts angesetzt. Alles, was am Leuchter war, stammte aus ihm selbst.

Den Beschreibungen der Tora mit den entsprechenden Interpretationen können wir Form und Gestalt der Menora entnehmen. Sie besteht aus einem Sockel mit einem Mittelschaft, an dessen oberem Ende ein länglich-schmaler Kelch angebracht ist. Von beiden Seiten zweigen jeweils drei Arme ab, die ebenfalls in Kelche münden. Alle sieben Röhren (Mittelschaft plus sechs Seitenarme) sind mit knospen- und blütenförmigen Ornamenten verziert. Die seitlichen Röhren wachsen bis zum Mittelschaft empor, so daß alle sieben Lampen in gleicher Höhe liegen.
In der Tora sind keinerlei Maße angegeben. Somit ist nicht eindeutig, wie hoch und schwer der Leuchter sein mußte und in welchem Winkel die Seitenarme vom Mittelschaft abzweigen sollten. Der Talmud allerdings berichtet, daß er etwa 1,5 Meter hoch und 75 kg schwer war.

Wie auch immer, äußerlich gleicht die Menora zweifellos einem blühenden Baum, und das nicht bloß der blumenartigen Verzierung wegen.

Die Lampen wurden bei Einbruch der Nacht angezündet und brannten bis zum Morgengrauen. Im 2. Tempel ließ man drei der sieben Lampen auch tagsüber lodern. Merkwürdigerweise war es den Priestern geboten, selbst am heiligen Schabbat, an dem das Anfeuern eigentlich strikt untersagt ist, dafür zu sorgen, daß die Lichter der Menora nicht erloschen.



"Ein Licht unter den Völkern"

In erster Linie verbreitet die Menora Licht. Nachdem das jüdische Volk ein "Licht unter den Völkern" (Jes 42,6) werden soll, liegt die enge Verbundenheit zwischen Juden und ihrer Menora auf der Hand. Im Gegensatz zum Tisch vis-à-vis mit seinen Brotlaiben, der offenkundig materielle Wohlfahrt symbolisiert, verkörpert die Menora geistige Erleuchtung, Einsicht und die damit verbundene Lebensfreude.

In einer ersten Annäherung erinnert uns die Menora im Tempel also daran, daß G"tt als allererstes Licht geschaffen hat, welches dadurch Teil des Schöpfungsaktes wird. G"tt gibt uns diese Kraft zu Beginn, weil wir als Sein Partner in der Schöpfung der Welt fortfahren sollen, Licht in das Universum zu bringen. Nun können wir das erste Gebot verstehen, welches im gerade errichteten Stiftszelt erfüllt werden mußte: die sieben Lichter der Menora zu entzünden (vgl. Num 8,2). Auf der physischen Ebene diente die Menora der Beleuchtung des Stiftszeltes. Auf der geistigen Ebene soll sie Herz und Verstand erleuchten und das jüdische Volk inspirieren, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem es Raum schafft für das Licht der Tora.



Das Geheimnis des Baumes

Wir haben schon festgestellt, daß die Menora in ihrer äußeren Form einem Baum gleicht. Der Sockel entspricht dabei dem Wurzelstock, der Mittelschaft dem Stamm und die seitlichen Arme den Ästen. Der ganze Leuchter ist mit zahlreichen Ornamenten geschmückt, die den Charakter der Menora als Symbol eines blühenden Baumes unterstreichen. Wir finden an jedem Arm mandelförmige Kelche, Blumen und Knäufe, die an Fruchtknoten erinnern.

Das auffälligste Merkmal eines Baumes ist seine stetige Veränderung. Der Baum wächst gleichzeitig in die Tiefe und in die Höhe und fügt seinem Stamm jährlich einen neuen Ring hinzu. Er entwickelt sich, kommt zur Blüte und schafft Früchte und farbige Blätter. Später verliert er sein Laub, erscheint unvermittelt vertrocknet und leblos, bevor er schließlich wieder zu Kräften kommt und sich erneuert. Mit anderen Worten: Die Menora repräsentiert ihrer Form nach Entfaltung, Entwicklung und Wachstum.

Das Geheimnis der Zahl Sieben

Ein bedeutsames Merkmal der Menora ist die Zahl der Lichter. Die Zahl Sieben kommt in der Bibel tatsächlich sehr oft vor. So sollen wir am Schabbat - dem siebten Tag der Woche - alltägliche und schöpferische Arbeiten ruhen lassen und unsere Zeit der Seele weihen. Wir sind verpflichtet, jedes siebte Jahr darauf zu verzichten, Felder und Äcker im Heiligen Land zu bearbeiten. Es ist, als ob auch sie Ruhe und Besinnung bräuchten. Das entsprechende Jahr wird in der Bibel Schabbatjahr genannt. Schließlich rufen wir nach jedem siebten Schabbatjahr, also alle 50 Jahre, ein Jubeljahr aus. Es wird derart gefeiert, daß alle abhängigen Knechte und Diener freikommen und alle Ländereien wieder zu ihrem ursprünglichen Besitzer zurückkehren. Die Zahl Sieben und ihr Rhythmus drücken der religiösen Zeitrechnung ihren Stempel auf. Sie mahnen an, um unseres eigenen Lebens willen die Verbindung mit Ursprung und Quelle allen Seins zu suchen. Der siebte Tag schafft im Gegensatz zu den sechs Werktagen eine andere Atmosphäre, die von Gelassenheit, Heiterkeit, Frieden und Ruhe geprägt ist, und nicht von Arbeit, Mühe und Anstrengung. Wir heiligen den siebten Tag, indem wir davon ablassen, andere Geschöpfe zu manipulieren und uns statt dessen dem Schöpfer hingeben. Was aber ist das erste, was wir tun, sobald der Schabbat naht? Wir entzünden Lichter. Auch alle anderen siebten Einheiten unterstützen diese Bemühungen. An all diese Dinge erinnert die Menora mit ihren sieben Leuchtern.

Quellen

1. Rabbiner Michael Goldberger, geb. 1961 in Basel. Er bekam seine rabbinische Ausbildung in Israel und Amerika und wurde u.a. von Rabbiner Zalman Schachter-Schalomi, dem Begründer und führenden Lehrmeister des Jewish Renewal, ordiniert. Er hat außerdem einen Diplom-Abschluß in Psychologie erworben und ist ausgebildeter Gestalt-Psychotherapeut. Seit 1993 ist er Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.